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Das Leuchten in der Kissenburg
Das Leuchten in der Kissenburg
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Am Morgen des zehnten Dezembers lag eine träge Gemütlichkeit über dem Haus von Tobi und Anna. Draußen heulte ein kalter Wind um die Ecken und wirbelte den Schnee auf, doch drinnen war es warm und still. Loonie, die kleine Spitzhündin, reckte sich ausgiebig in ihrem Körbchen, bevor sie mit einem leisen Gähnen ins Wohnzimmer tapste. Ihre Gedanken wanderten kurz zu dem goldenen Briefumschlag, den sie gestern Abend in den dunklen Schlitz des Postkastens geworfen hatten. Ob er wohl schon auf dem Weg zum Christkind war?
Tobi und Anna saßen bereits im Pyjama auf dem weichen Teppich vor dem Adventskalender. „Guten Morgen, Schlafmütze“, begrüßte Tobi die Hündin und kraulte sie hinter den flauschigen Ohren. Loonie wedelte zur Begrüßung und stupste ungeduldig mit ihrer feuchten Nase gegen das zehnte Säckchen. Es war klein, aber überraschend schwer. Anna löste vorsichtig das Band. Zum Vorschein kam eine handliche, leuchtend gelbe Taschenlampe.
„Eine Taschenlampe?“, fragte Tobi und zog eine Augenbraue hoch. Dann wanderte sein Blick zum Fenster, wo der Wind den Schnee gegen die Scheibe peitschte. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich weiß genau, was wir damit machen. Bei diesem Wetter gehen wir auf keine große Expedition nach draußen. Wir bauen uns unsere eigene Welt hier drinnen.“
Sofort begann ein geschäftiges Treiben im Wohnzimmer. Anna holte sämtliche Decken aus dem Schlafzimmer, während Tobi die Stühle vom Esstisch in einen großen Kreis rückte. Loonie verstand zwar nicht ganz, was vor sich ging, aber sie spürte die freudige Aufregung. Begeistert sprang sie um Tobi herum, der gerade eine große Wolldecke über die Stuhllehnen spannte. Als eine Ecke der Decke auf den Boden hing, packte Loonie sie spielerisch mit den Zähnen und zog daran. „Hey, nicht kaputtmachen, du kleiner Räuber! Du sollst uns doch beim Bauen helfen“, lachte Anna und befestigte die Decke mit ein paar Wäscheklammern.
Nach und nach entstand mitten im Wohnzimmer eine riesige, bunte Höhle aus Stoff und Kissen. Es sah aus wie ein weiches Zeltlager. Loonie war die Erste, die den Eingang inspizierte. Vorsichtig schob sie ihren Kopf durch den Schlitz zwischen zwei Decken. Drinnen war es dämmrig und herrlich weich, da Anna den Boden mit Kissen ausgelegt hatte. Die Hündin kroch ganz hinein, drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer nieder.
„Platz für alle!“, rief Tobi und krabbelte ebenfalls hinein, dicht gefolgt von Anna. Nun kam die neue Taschenlampe zum Einsatz. Tobi knipste sie an und richtete den Lichtstrahl gegen die Decke ihrer Höhle. Das Licht brach sich im Stoff und tauchte ihr kleines Versteck in ein warmes, gelbes Glühen. Es roch nach frischer Wäsche und dem Tannenduft des Adventskranzes, der von draußen hereinzog.
„Schau mal, Loonie“, flüsterte Anna und formte mit ihren Händen eine Figur im Lichtkegel der Taschenlampe. An der Deckenwand erschien der Schatten eines Hasen, der mit den Ohren wackelte. Loonie legte den Kopf schief und beobachtete fasziniert das dunkle Gebilde. Als der Schattenhase plötzlich einen Satz machte, patschte Loonie mit ihrer Pfote gegen die Decke, um ihn zu fangen, was Tobi und Anna zum Kichern brachte.
So verbrachten sie den Vormittag eng aneinander gekuschelt in ihrer selbstgebauten Festung, sicher vor dem Sturm draußen. Anna erzählte leise eine Geschichte von einem Rentier, das im Schnee seine Herde suchte, während Tobi den Lichtstrahl passend dazu wandern ließ. Loonie, die ihren Kopf auf Tobis Bein abgelegt hatte, blinzelte schläfrig. In dieser kleinen Höhle fühlte sich die Welt vollkommen sicher und geborgen an. Als Tobi die Taschenlampe schließlich dimmte, schlief die kleine Familie fast ein, glücklich über dieses unerwartete Abenteuer im eigenen Wohnzimmer.