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Ein kalter Freund aus Schnee

Ein kalter Freund aus Schnee

Ein kalter Freund aus Schnee
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Die gemütliche Höhle aus Decken und Kissen stand noch immer mitten im Wohnzimmer, als die Sonne am Morgen des elften Dezembers hell durch die Fenster blinzelte. Der wütende Sturm, der gestern noch um das Haus geheult hatte, war verschwunden. Stattdessen lag eine friedliche Stille über der Welt, und der Himmel strahlte in einem klaren, eisigen Blau. Loonie, die kleine Spitzhündin, kroch gähnend aus dem Zelteingang, streckte ihre Vorderpfoten weit von sich und schüttelte dann ihr goldenes Fell, bis es nur so fluschte. Tobi und Anna saßen bereits am Frühstückstisch und blinzelten in das grelle Licht, das vom frisch gefallenen Schnee im Garten reflektiert wurde. „Der Sturm hat uns eine Menge Arbeit beschert“, sagte Tobi grinsend und deutete nach draußen. „Aber vorher schauen wir nach, was der elfte Dezember für uns bereithält.“ Gemeinsam gingen sie zum Adventskalender. Loonie wuselte aufgeregt um ihre Beine, denn sie wusste mittlerweile ganz genau, dass dieses Morgenritual immer etwas Spannendes bedeutete. Anna löste das elfte Säckchen und zog unterstaunt die Augenbrauen hoch. In ihrer Hand hielt sie eine einzelne, knackige, orangefarbene Karotte. „Haben wir etwa Hunger?“, fragte Anna lachend und hielt Loonie das Gemüse vor die Nase. Die Hündin schnupperte interessiert und leckte vorsichtig daran, doch Tobi schüttelte den Kopf. „Das ist kein Snack für Loonie“, erklärte er und zwinkerte Anna zu. „Das ist die Nase für unseren neuen Mitbewohner im Garten.“ Sofort verstanden alle: Heute war der perfekte Tag, um einen Schneemann zu bauen. Wenig später standen sie dick eingepackt im Garten. Der Schnee war durch die mildere Sonne leicht angetaut und klebte hervorragend – „Perfekter Pappschnee“, nannte Tobi das. Während Anna begann, einen kleinen Schneeball immer weiter über die Wiese zu rollen, sodass er größer und größer wurde, jagte Loonie vergnügt hinterher. Sie versuchte, in den wachsenden Schneeball zu beißen, und hinterließ dabei eine Spur aus kleinen Pfotenabdrücken im unberührten Weiß. Tobi kümmerte sich um den riesigen Unterkörper des Schneemanns und ächzte spielerisch, als die Kugel fast so groß wie Loonies Hundehütte wurde. Stück für Stück setzten sie die drei Kugeln aufeinander. Loonie beobachtete das Treiben mit schiefgelegtem Kopf. Was machten ihre Menschen da nur mit dem kalten Weiß? Als Anna schließlich die Karotte aus ihrer Jackentasche holte und sie dem Schneemann mitten ins Gesicht drückte, bellte Loonie kurz auf. Ein Mann aus Schnee mit einer orangen Nase? Das war ihr nicht ganz geheuer. Tobi suchte zwei dunkle Kieselsteine für die Augen und eine Reihe kleinerer Steine für den Mund, während Anna einen alten, karierten Schal um den Hals der Figur wickelte. „Darf ich vorstellen? Herr Frost“, verkündete Tobi feierlich und klopfte dem Schneemann auf die kalte Schulter. Loonie trat vorsichtig näher. Sie streckte ihren Hals, schnupperte an den Beinen aus Schnee und stupste dann mutig gegen den untersten Ball. Der Schneemann bewegte sich nicht, roch nicht nach Mensch und sagte kein Wort. Verwirrt wuffte Loonie ihn an und sah dann fragend zu Anna hoch, als wollte sie sagen: „Warum spielt er nicht mit mir?“ Anna lachte und kraulte die Hündin hinter den Ohren. „Er ist nur zum Anschauen da, kleine Maus. Er bewacht jetzt unseren Garten.“ Loonie schien sich damit abzufinden, auch wenn sie den neuen, stillen Gast immer noch misstrauisch beäugte. Als ihre Hände und Pfoten langsam kalt wurden, gingen Tobi, Anna und Loonie zurück ins warme Haus. Vom Wohnzimmerfenster aus konnten sie ihren neuen Freund sehen, der stolz im Sonnenlicht stand. Loonie sprang auf das Sofa, rollte sich zufrieden zusammen und war froh, dass es drinnen viel wärmer und gemütlicher war als bei Herrn Frost draußen.