← Zurück zur Übersicht 
Ein Konzert für Herrn Frost
Ein Konzert für Herrn Frost
0:00 / 0:00
Der Morgen des zwölften Dezembers begann für Loonie mit einer wichtigen Kontrollrunde. Kaum hatten sich ihre kleinen Pfoten aus dem warmen Hundekörbchen geschält, flitzte die Spitzhündin zum tiefen Wohnzimmerfenster. Sie stellte sich auf die Hinterbeine, stützte die Vorderpfoten auf das Fensterbrett und spähte hinaus in den Garten. Tobi, der gerade gähnend die Küche betrat, musste schmunzeln. „Keine Sorge, Loonie“, sagte er und kraulte ihr sanft den Rücken. „Herr Frost ist noch da.“ Und tatsächlich: Der Schneemann, den sie gestern mit so viel Mühe gebaut hatten, stand unversehrt auf der weißen Wiese. Seine Karottennase leuchtete fröhlich in der Morgensonne und der karierte Schal flatterte leicht im Wind, als würde er der Hündin zum Gruß winken.
Beruhigt, dass ihr neuer, stiller Freund aus Schnee nicht weggelaufen war, widmete sich Loonie nun der zweitwichtigsten Sache des Morgens: dem Adventskalender. Anna wartete schon und hielt das zwölfte Säckchen in der Hand. „Wisst ihr, was heute ist?“, fragte sie mit geheimnisvoller Stimme. „Heute ist Bergfest! Wir haben genau die Hälfte der Wartezeit bis Weihnachten geschafft.“ Loonie legte den Kopf schief, als sie Annas aufgeregten Tonfall hörte. Vorsichtig öffnete Anna den Stoffbeutel und ließ den Inhalt in ihre Handfläche gleiten. Es war ein kleines, silbern glänzendes Glöckchen an einem roten Schleifenband. Als Anna es bewegte, erklang ein helles, feines *Kling-Kling*, das sofort Loonies Ohren spitzen ließ.
„Ein Glöckchen!“, rief Tobi begeistert. „Das passt perfekt. Ich finde, wir sollten den halben Advent mit etwas Musik feiern.“ Er verschwand kurz im Arbeitszimmer und kehrte mit seiner alten Akustikgitarre zurück. Loonie beäugte das große hölzerne Ding misstrauisch. Es roch nach altem Holz und Möbelpolitur. Als Tobi sich auf den Wohnzimmerteppich setzte und die Saiten stimmte, gab das Instrument tiefe, brummende Töne von sich, die Loonie bis in ihre Pfoten spüren konnte. Neugierig schnupperte sie am Schallloch der Gitarre, zuckte aber zurück, als Tobi einen kräftigen Akkord anschlug.
„Na komm, wir machen ein Familienkonzert“, lachte Anna und setzte sich neben Tobi auf den Boden. Sie hielt das silberne Glöckchen bereit. Tobi begann, eine fröhliche Melodie zu spielen. Es war ein schnelles, lustiges Weihnachtslied, bei dem die Finger flink über das Griffbrett tanzten. Anna stimmte mit ein und schüttelte das Glöckchen rhythmisch dazu. *Kling, kling, klingelingeling!* Der helle Klang mischte sich wunderbar mit den warmen Tönen der Gitarre.
Loonie wusste erst nicht recht, was sie tun sollte. Sie rannte aufgeregt um die beiden herum, wedelte mit dem Schwanz und versuchte, das klingende Glöckchen in Annas Hand zu fangen. Doch dann hielt sie inne. Die Musik schien sie anzustecken. Sie setzte sich auf ihren plüschigen Hintern, legte den Kopf in den Nacken und ließ ein leises, melodisches „Wuuu-huuu“ ertönen. Tobi und Anna hörten auf zu spielen und sahen die Hündin überrascht an. „Sie singt!“, kicherte Anna. „Loonie singt Weihnachtslieder!“
Ermutigt durch das Lachen ihrer Menschen, jaulte Loonie noch einmal, diesmal etwas lauter und fast im Takt, als Tobi wieder in die Saiten griff. So saßen sie eine ganze Weile auf dem Wohnzimmerteppich: Tobi zupfte die Gitarre, Anna ließ das Glöckchen klingen und sang den Text, und Loonie steuerte ihre ganz eigenen Hundetöne bei. Es war vielleicht nicht das perfekteste Konzert der Welt, aber im gemütlichen Wohnzimmer von Tobi und Anna klang es nach purer Lebensfreude.
Als das letzte Lied verklungen war, legte Tobi die Gitarre beiseite. Loonie hechelte zufrieden und ließ sich erschöpft zwischen ihre Menschen fallen. Draußen im Garten stand Herr Frost und lächelte stumm vor sich hin, während drinnen die Wärme der Heizung und das Nachklingen der Musik für eine wohlige Stille sorgten. Anna hängte das silberne Glöckchen an einen Zweig des Adventskranzes, wo es im Kerzenschein funkelte und stumm auf seinen nächsten Einsatz wartete.