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Der goldene Duft des Lichts
Der goldene Duft des Lichts
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Nach dem fröhlichen Wohnzimmerkonzert am gestrigen „Bergfest“ war es im Haus von Tobi und Anna wieder ruhiger geworden. Loonie, die kleine Spitzhündin, lag noch gemütlich in ihrem Körbchen und blinzelte verschlafen in den neuen Morgen. Draußen vor dem Fenster wirbelten dicke Schneeflocken durch die graue Luft, doch drinnen war es warm und behaglich. Erst als Tobi in die Küche schlurfte und den Wasserkocher einschaltete, rappelte sich Loonie auf. Ihre schwarze Nase zuckte. Etwas roch heute ganz anders als sonst.
Es war der dreizehnte Dezember, und natürlich führte der erste Weg der kleinen Familie wieder zum Adventskalender. Das silberne Glöckchen von gestern hing funkelnd am Adventskranz und erinnerte Loonie an ihr lustiges Gejaule zur Gitarrenmusik. Doch heute ging es um das dreizehnte Säckchen. Es war etwas größer als die anderen und verströmte diesen seltsamen, süßen Geruch, den Loonie schon vom Körbchen aus bemerkt hatte. Er roch nicht nach Leberwurst und auch nicht nach Käse, sondern nach Blumen, Sommer und Sonne.
„Na, was haben wir denn da?“, fragte Anna und öffnete die Schnur. Vorsichtig zog sie mehrere gelbe Platten heraus, die ein Muster wie kleine Waben hatten. Dazu fiel ein langes Stück weißer Docht auf den Tisch. „Bienenwachs!“, rief Tobi begeistert. „Heute wird gebastelt. Wir rollen unsere eigenen Weihnachtskerzen.“ Loonie stellte sich auf die Hinterbeine und stützte die Vorderpfoten an die Tischkante, um besser sehen zu können. Das gelbe Zeug roch so intensiv nach Honig, dass sie versuchte, vorsichtig daran zu lecken. „Nein, nein, Loonie“, lachte Anna sanft und schob die feuchte Hundenase beiseite. „Das ist zum Leuchten da, nicht zum Essen.“
Anna zeigte Tobi, wie man den Docht ganz fest an den Rand der Wachsplatte drückte. Dann begannen sie, das Wachs langsam und mit viel Geduld einzurollen. Tobi, der sonst manchmal etwas ungeduldig war, gab sich große Mühe. Seine Hände wärmten das Wachs, bis es weich und geschmeidig wurde. Loonie beobachtete jede Bewegung genau. Immer wenn Tobi eine Pause machte, stupste sie seinen Ellbogen an, als wollte sie sagen: „Mach weiter, ich will sehen, was das wird!“ Es dauerte nicht lange, da lagen drei wunderschöne, goldgelbe Kerzen auf dem Holztisch. Eine war schlank und elegant – das war Annas Werk. Eine war etwas dicker und bauchiger – die hatte Tobi gerollt. Und eine war ganz klein und knubbelig, weil Tobi aus den Resten noch eine „Loonie-Kerze“ geformt hatte.
Am Abend, als es draußen dunkel und stürmisch wurde, stellten sie die neuen Kerzen auf einen feuerfesten Teller in die Mitte des Wohnzimmertisches. Anna zündete die Dochte an. Sofort verbreitete sich der Duft von warmem Honig und Bienenwachs im ganzen Raum. Das Licht der Flammen war weicher und wärmer als das der normalen roten Kerzen auf dem Kranz. Es tauchte das Zimmer in einen goldenen Schimmer, der perfekt zu Loonies fellfarbenem Mantel passte.
Die Hündin lag auf dem Teppich und starrte fasziniert in die tanzenden Flammen. Sie spürte die Ruhe, die von dem warmen Licht ausging. Tobi und Anna saßen eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa, tranken Tee und beobachteten ihre kleine Hündin, deren Augen im Kerzenschein wie zwei dunkle Knöpfe glänzten. „Das ist viel gemütlicher als jedes elektrische Licht“, flüsterte Tobi. Anna nickte und kraulte Loonie hinter den Ohren, die zufrieden seufzte. In diesem goldenen Licht fühlte sich der Winter gar nicht mehr kalt an, und während die Kerzen leise knisterten, fragte sich Loonie schon ein wenig schläfrig, welches Abenteuer wohl morgen auf sie warten würde.