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Ein zuckersüßes Knusperhaus
Ein zuckersüßes Knusperhaus
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Am Morgen des zweiundzwanzigsten Dezembers lag noch immer der Zauber des Vortages in der Luft. Loonie, die kleine Spitzhündin, wirkte besonders ausgeglichen, als hätte sie verstanden, wie viel Freude ihr Besuch bei der alten Nachbarin Frau Hempel ausgelöst hatte. Doch als Tobi und Anna in die Küche kamen, wich die andächtige Stimmung schnell der gewohnten morgendlichen Neugier. Loonie tänzelte um Annas Beine herum und stupste mit ihrer feuchten Nase gegen Tobis Wade, als wollte sie sagen: „Genug geschlafen, es ist Zeit für das Säckchen!“
Tobi hob die Hündin kurz hoch und rubbelte ihr liebevoll das weiche Fell, bevor sie sich gemeinsam dem Adventskalender zuwandten. Das zweiundzwanzigste Päckchen fühlte sich merkwürdig knubbelig an und raschelte verdächtig. Als Anna die Schleife löste, purzelten viele bunte Schokoladenlinsen, Gummibärchen und zwei Tuben mit weißer Zuckerpaste heraus. Tobi lachte und zog triumphierend einen großen Karton unter dem Küchentisch hervor, den er dort versteckt hatte. „Heute werden wir Baumeister!“, verkündete er stolz. „Wir bauen ein Knusperhaus.“
Kurze Zeit später hatte sich der Küchentisch in eine klebrige Baustelle verwandelt. Die großen Lebkuchenplatten dufteten herrlich nach Gewürzen, was Loonies Nase in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sie saß auf ihrem Stuhl, den Anna extra mit einer Decke gepolstert hatte, damit die kleine Hündin gut sehen konnte, und beobachtete jede Bewegung ihrer Menschen mit großen, dunklen Augen. Ihre Ohren drehten sich wie kleine Radarschüsseln hin und her, besonders wenn Tobi eine der knusprigen Wände aus der Verpackung nahm.
„So, Frau Architektin“, sagte Tobi zu Anna und hielt zwei Lebkuchenteile im rechten Winkel zueinander. „Bitte den Mörtel auftragen!“ Anna kicherte und drückte kräftig auf die Tube mit dem weißen Zuckerguss. Eine dicke, klebrige Wurst legte sich auf die Kante, und Tobi drückte die Teile zusammen. Doch Lebkuchenhäuser haben ihren eigenen Willen. Kaum ließ Tobi los, rutschte die linke Wand langsam zur Seite weg. Loonie, die die Bewegung sah, bellte kurz auf, als wollte sie warnen: „Achtung, Einsturzgefahr!“
Mit vereinten Kräften und noch viel mehr Zuckerguss gelang es Tobi und Anna schließlich, das Grundgerüst zu stabilisieren. Nun kam der schönste Teil: das Verzieren. Loonie verfolgte fasziniert, wie Anna bunte Schokoladenlinsen in den weichen Zuckerschnee auf dem Dach drückte. Einmal fiel ein rotes Gummibärchen vom Tisch und landete direkt vor Loonies Pfoten. Blitzschnell schnappte sie es sich, spuckte es aber sofort wieder aus – die Konsistenz war ihr wohl doch zu seltsam. Tobi lachte schallend und gab ihr stattdessen ein kleines, hundgerechtes Stückchen vom blanken Lebkuchen, das sie genüsslich unter dem Tisch verknusperte.
Nach einer Stunde stand das Kunstwerk endlich fertig auf dem Tisch. Es war ein wenig windschief, der Schornstein neigte sich gefährlich nach links und überall klebten weiße Zuckertropfen – sogar in Tobis Bart und an Annas Ellbogen. „Es ist perfekt“, stellte Anna fest und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, was einen weiteren weißen Streifen hinterließ. Das Häuschen sah aus wie eine kleine, kunterbunte Villa im tiefsten Schneesturm. Loonie richtete sich an der Tischkante auf, schnupperte prüfend an dem süßen Bauwerk und leckte vorsichtig über eine Ecke, an der besonders viel Zuckerguss klebte.
Zufrieden betrachtete die kleine Familie ihr Werk. Draußen begann es langsam dunkel zu werden, und im warmen Licht der Küchenlampe leuchteten die bunten Farben des Knusperhauses besonders schön. Es war nicht perfekt wie aus dem Laden, aber es steckte voller Lachen und gemeinsamer Zeit. Während der süße Duft durch das ganze Haus zog, kuschelte sich Loonie an Annas Füße, satt und glücklich über das kleine Lebkuchen-Abenteuer, und träumte vielleicht schon von dem großen Tag, der nun greifbar nahe war.