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Eine kleine Weihnachtswolke

Eine kleine Weihnachtswolke

Eine kleine Weihnachtswolke
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Am Morgen des dreiundzwanzigsten Dezembers lag eine fast feierliche Stille über dem kleinen Haus. Der süße, würzige Duft des windschiefen Lebkuchenhauses, das Tobi, Anna und Loonie am Vortag mit so viel Mühe und Gelächter gebaut hatten, war über Nacht in jeden Winkel gezogen. Er vermischte sich mit dem frischen Tannengeruch des geschmückten Baumes im Wohnzimmer zu einer Note, die unmissverständlich verkündete: Weihnachten steht direkt vor der Tür. Loonie trippelte leise in die Küche, ihre kleinen Krallen klickten kaum hörbar auf den Fliesen. Sie blieb kurz vor dem Küchentisch stehen und legte den Kopf schief. Das bunte Knusperhaus stand noch immer da, unversehrt und verlockend, aber die kleine Spitzhündin wusste mittlerweile, dass es eher zum Bewundern als zum Fressen gedacht war. Anna und Tobi kamen gähnend, aber mit einem glücklichen Lächeln in die Küche. „Nur noch ein Tag, kleine Maus“, flüsterte Anna und kraulte Loonie hinter den flauschigen Ohren. Die Aufregung war förmlich greifbar, ein elektrisiertes Knistern, das selbst Loonie spürte und sie dazu brachte, schwanzwedelnd um ihre Besitzer herumzutänzeln. Gemeinsam gingen sie zum Adventskalender. Das dreiundzwanzigste Säckchen war weich, aber voluminös. Als Tobi die Schnur löste, zog er eine wunderschöne, weiche Bürste mit Naturborsten und eine kleine Flasche mit duftendem Badezusatz hervor. „Heute machen wir uns fein für das Christkind“, erklärte er schmunzelnd. „Ein Wellnesstag für alle, damit wir morgen unter dem Baum strahlen.“ Loonie beschnupperte die neue Bürste skeptisch. Normalerweise hielt sie Fellpflege für eine unnötige Unterbrechung ihrer Spielzeit, doch die Borsten fühlten sich angenehm weich an ihre Nase an. Während Anna sich im Badezimmer ein entspannendes Schaumbad einließ, verwandelte Tobi das Wohnzimmer in einen Hundesalon. Er breitete ein großes, weiches Handtuch auf dem Teppich vor dem Kamin aus und lockte Loonie zu sich. Das Feuer prasselte gemütlich und warf tanzende Schatten an die Wände. Loonie ließ sich auf das Handtuch plumpsen und streckte wohlig alle Viere von sich, als Tobi begann, ihr goldenes Fell mit langen, ruhigen Strichen zu bürsten. Es war eine ganz andere Art von Bürsten als sonst – langsamer, feierlicher und voller Zuneigung. „Du musst die schönste Hündin der ganzen Stadt sein, wenn morgen Abend die Glocke läutet“, murmelte Tobi leise. Loonie schloss genießerisch die Augen. Die Bürste glitt durch ihr dichtes Winterfell, löste kleine Knötchen und ließ ihr Haar seidig glänzen. Mit jedem Strich schien sie ein bisschen größer und plüschiger zu werden. Als Anna schließlich rosig und nach Lavendel duftend ins Wohnzimmer kam, musste sie laut lachen. „Oh Tobi, sie sieht aus wie eine kleine, goldene Weihnachtswolke!“, rief sie begeistert. Loonie sprang auf, schüttelte sich einmal kräftig, sodass ihr frisch gebürstetes Fell in alle Richtungen abstand, und bellte fröhlich. Sie fühlte sich leicht und wunderschön. Der Rest des Tages verging in einer entspannten Trägheit, die man sich nur gönnen kann, wenn alle Vorbereitungen getroffen sind. Draußen begann es in der Dämmerung wieder sacht zu schneien, dicke Flocken, die sich wie Puderzucker auf die Dächer legten. Die kleine Familie saß eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa, nur beleuchtet vom warmen Glanz der Lichterkette am Weihnachtsbaum und dem Schein des Kaminfeuers. Tobi las eine Geschichte vor, während Anna Loonies weichen Bauch kraulte. Es war der Abend vor dem großen Abend. Die Erwartung hing schwer und süß im Raum. Loonie beobachtete, wie Anna und Tobi immer wieder verträumt zum Weihnachtsbaum sahen, unter dem morgen die Geschenke liegen würden. Die kleine Hündin wusste zwar nicht genau, was „Weihnachten“ bedeutete, aber sie spürte die tiefe Harmonie und die Liebe, die ihr Zuhause erfüllten. Sauber, flauschig und unendlich geborgen schlummerte sie ein, bereit für das Wunder, das der nächste Morgen bringen würde.