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Ein geheimnisvoller Besuch und gefüllte Stiefel
Ein geheimnisvoller Besuch und gefüllte Stiefel
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Noch bevor der Wecker von Tobi und Anna klingelte, war Loonie hellwach. Ihre feine Hundenase zuckte, und ihre Ohren drehten sich wie kleine Radarschüsseln in alle Richtungen. War da nicht ein Geräusch gewesen? Ein leises Rascheln draußen vor der schweren Haustür? Die kleine Spitzhündin sprang aus ihrem Körbchen und trappelte unruhig im Flur auf und ab. Sie erinnerte sich genau an den gestrigen Abend: das Planschen im Wasser, der Geruch von Schuhcreme und Tobis Worte über den geheimnisvollen Besucher namens Nikolaus. Loonie winselte leise und kratzte vorsichtig am Türrahmen, doch die Tür blieb fest verschlossen.
Endlich hörte sie Schritte aus dem Schlafzimmer. Anna kam gähnend, aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht in den Flur, dicht gefolgt von Tobi, der sich noch die Augen rieb. „Guten Morgen, du kleiner Wachhund“, flüsterte Anna und kraulte Loonie hinter den Ohren. „Du bist wohl genauso neugierig wie wir, was?“ Tobi lachte leise und deutete auf den Adventskalender, der im morgendlichen Halbdunkel an der Wand leuchtete. „Zuerst die Pflicht, dann das Vergnügen. Lass uns schauen, was die Nummer sechs für uns bereithält, bevor wir die Tür öffnen.“
Loonie wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, als Tobi das sechste Säckchen vom Band löste. Es war etwas größer als die anderen und fühlte sich weich an. Anna öffnete die Schnur und zog ein leuchtend rotes Dreieckstuch aus weichem Stoff hervor, auf dem kleine weiße Schneeflocken aufgestickt waren. „Oh, wie schick!“, rief sie entzückt. „Das ist für dich, Loonie. Damit du heute am Nikolaustag auch festlich aussiehst.“ Behutsam band sie der Hündin das Tuch um den Hals. Loonie stolzierte sofort stolz im Kreis und präsentierte ihren neuen Schmuck, doch ihr Blick wanderte immer wieder ungeduldig zur Haustür.
„Na gut, ich spanne euch nicht länger auf die Folter“, sagte Tobi und legte die Hand auf die kalte Türklinke. Mit einem leisen Quietschen schwang die schwere Tür nach innen auf. Ein Schwall eisiger Winterluft strömte in den warmen Flur und ließ Loonies Fell erzittern, doch was sie dann sahen, ließ sie die Kälte sofort vergessen. Die drei Paar Schuhe, die sie gestern Abend so mühsam poliert hatten, waren kaum wiederzuerkennen. Sie blitzten und funkelten nicht nur vor Sauberkeit, sondern waren bis oben hin gefüllt.
In Tobis großen Winterstiefeln steckten Erdnüsse und Mandarinen, die wie kleine orangefarbene Sonnen leuchteten. Aus Annas Boots ragte ein Schokoladennikolaus in glitzerndem Stanniolpapier hervor, umringt von goldenen Schokoladentalern. „Er war wirklich da!“, jubelte Anna wie ein kleines Kind und klatschte in die Hände. Loonie drängelte sich an ihren Beinen vorbei nach draußen. Sie schnupperte an den süßen Sachen, doch der Duft von Schokolade interessierte sie nicht so sehr wie das, was daneben lag.
Tobi hatte gestern Loonies rote Leine schneckenförmig neben die Schuhe gelegt, damit der Nikolaus sie nicht vergisst – und der Plan hatte funktioniert! Mitten in der roten Leinenschnecke lag ein riesiger, appetitlicher Kauknochen, verziert mit einer kleinen roten Schleife. Loonie schnappte sich ihren Schatz sofort, noch bevor Tobi etwas sagen konnte, und trug ihn stolz wie eine Trophäe zurück in den Flur. „Sieht so aus, als warst du dieses Jahr ein sehr braver Hund“, lachte Tobi und sammelte die gefüllten Stiefel ein, um sie ins Warme zu holen.
Gemeinsam machten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich. Während Anna und Tobi ihre ersten Mandarinen schälten und der Duft von Zitrusfrüchten die Luft erfüllte, lag Loonie zufrieden auf dem Teppich. Sie hielt ihren großen Knochen fest zwischen den Pfoten und nagte genüsslich daran, während ihr neues rotes Halstuch fröhlich wippte. Der Nikolaus war tatsächlich ein fantastischer Besuch gewesen, dachte Loonie, auch wenn sie ihn leider verpasst hatte. Aber mit einem vollen Bauch und ihren glücklichen Menschen um sich herum, konnte der Tag nicht besser beginnen.