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Ein Brief an das Christkind

Ein Brief an das Christkind

Ein Brief an das Christkind
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Der Morgen des neunten Dezembers begann für Loonie mit einem Kontrollgang. Kaum hatte Anna die Schlafzimmertür geöffnet, trippelte die kleine Spitzhündin eilig ins Wohnzimmer. Ihre Pfoten klackerten leise auf dem Parkett, als sie direkt auf das mit Kreide bemalte Fenster zu steuerte. Loonie stellte sich auf die Hinterbeine, stützte die Vorderpfoten auf das Fensterbrett und spähte hinaus. Die Futterkugeln, die sie gestern gemeinsam aufgehängt hatten, schaukelten sanft im Wind. Ein kleines Rotkehlchen pickte gerade eifrig daran. Zufrieden ließ sich Loonie wieder auf alle viere fallen und wedelte mit dem buschigen Schwanz. Das Buffet war noch da, alles war in Ordnung. Tobi kam gähnend, aber mit einem breiten Lächeln ins Zimmer geschlurft. „Na, hast du schon nach dem Rechten gesehen, Loonie?“ Er kraulte ihr liebevoll den weichen Halskragen. Dann fiel sein Blick auf den Adventskalender. Das neunte Säckchen war flach und fühlte sich ganz anders an als die bauchige Tüte mit dem Vogelfutter vom Vortag. Anna gesellte sich dazu und setzte sich im Schneidersitz auf den Teppich. „Lass uns nachsehen, was heute dran ist“, schlug sie vor. Als Tobi die Schleife löste, rutschte etwas Glattes, Glänzendes heraus. Es war kein Spielzeug und nichts zum Essen. In Tobis Händen lagen ein wunderschönes Blatt Briefpapier, das mit goldenen Sternen bedruckt war, und ein dazu passender, schimmernder Umschlag. Loonie schnupperte neugierig an dem Papier. Es roch frisch und ein bisschen nach dem Tannenzweig, an dem das Säckchen gehangen hatte. „Oh, wie schön!“, rief Anna entzückt. „Das ist das Zeichen. Heute schreiben wir unseren Wunschzettel an das Christkind.“ Nach dem Frühstück verwandelte sich der Esstisch in ein kleines Schreibbüro. Tobi holte seinen besten Füller hervor, während Anna eine Tasse Kakao kochte. Loonie saß auf ihrem Stuhl zwischen ihren Menschen und beobachtete jede Bewegung ganz genau. „Also Loonie“, begann Tobi feierlich und schraubte den Füller auf, „was wünschst du dir denn? Einen Knochen, der nie alle wird? Oder vielleicht einen eigenen Schneemann?“ Loonie legte den Kopf schief und gab ein leises, brummendes Geräusch von sich, als würde sie tief nachdenken. Tobi lachte und begann zu schreiben. „Ich glaube, sie wünscht sich vor allem viele Kuschelstunden und lange Spaziergänge“, vermutete Anna und strich der Hündin über den Rücken. Es war ein gemütlicher Vormittag. Man hörte nur das Kratzen der Feder auf dem Papier und das zufriedene Schnaufen der Hündin. Tobi schrieb sorgfältig alle Wünsche der kleinen Familie auf – Gesundheit für alle, weiterhin so viel Freude miteinander und vielleicht ein kleines neues Spielzeug für Loonie. Als der Brief fertig war, falteten sie das Papier vorsichtig zusammen und steckten es in den goldenen Umschlag. Anna malte noch ein kleines Herz auf die Rückseite. „Damit das Christkind weiß, dass wir uns ganz besonders Mühe gegeben haben“, erklärte sie. Am späten Nachmittag, als es draußen schon dämmerte und die Straßenlaternen angingen, zogen sie sich ihre warmen Jacken an. Der Weg zum gelben Postkasten war nicht weit, aber durch den tiefen Schnee dauerte alles etwas länger. Die Luft war klirrend kalt, doch Loonie machte das nichts aus. Sie hüpfte fröhlich durch die weißen Haufen, ihre Nase immer im Wind. Am Postkasten angekommen, hob Tobi die kleine Hündin hoch. „So, Loonie, du darfst ihn einwerfen“, sagte er. Anna hielt den Schlitz auf, und Tobi führte Loonies Pfote sanft gegen den Brief, bis er im dunklen Kasten verschwand. Es machte leise *Klapp*. „Gute Reise, kleiner Brief“, flüsterte Anna in die Stille hinein. Loonie bellte kurz, als wollte sie den Brief verabschieden. Auf dem Rückweg kuschelten sie sich eng aneinander. In der Ferne leuchteten die Fenster ihres Hauses warm und einladend. Sie freuten sich darauf, gleich wieder ins Warme zu kommen, und fragten sich im Stillen, welche Überraschung der morgige Tag wohl bringen würde.